Zeitgenössische Architektur in Bayern

Wir waren für Sie beim Design + Health-Forum der AIT am 20. Oktober in München

Am frühen Freitagvormittag fanden sich rund 250 Architekten im obersten Geschoss des Literaturhauses zum Design + Health Forum der Fachzeitschrift AIT ein. Nach dem obligatorischen Networking bei Kaffee und Butter-Brezn in der schönen Umgebung des Foyers begrüßte Annette Weckesser, Redakteurin der AIT, alle erschienen Teilnehmer sowie die vier Redner zum offiziellen Teil im Saal. Mit dem für die Veranstaltung gewählten Titel „Gesundheitswesen im Wandel" solle, so Weckesser, der immer größer werdende Wettbewerb im Gesundheitsbereich aufgegriffen werden. So steige mit der Patientenorientierung der Healthcare-Anbieter auch die Anforderung an die Architektur und damit an die Architekten.

Den Anfang der Vortragenden machte Stefan Ludes von Stefan Ludes Architekten in Berlin. Sein Büro beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Planung und Neukonzeption von Krankenhäusern. Der Schwerpunkt im Bereich des Akutkrankenhausbaus läge nach seinen Worten zu rund 80 Prozent bei der Erweiterung bzw. dem Umbau von bestehenden Krankenhäusern. Es gäbe im Krankenhausbereich weniger Mittel für Bauaufgaben als in anderen Wirtschaftsbereichen und dieses Geld komme mehr und mehr von privaten Gesundheitsdienstleistern und immer weniger vom Bund. Weiterhin macht laut Ludes das Personal 2/3 der laufenden Kosten aus. Diese Ausgangssituation muss sich jeder Architekt bewusst machen. Die Resource Bau muss also ausgeschöpft werden, d.h. dass vor allem die verfügbare Fläche besser genutzt werden muss als bisher.
Eine Herausforderung für den im Krankenhausbau aktiven Architekten liegt damit in Planung der Organisation von Anfang an. Denn Räume, die von sieben Tagen in der Woche sechs Tage leer stehen, sind für den Betreiber unnötige Kosten. Ludes verdeutlichte dieses Problem an Vorbereitungsräumen bei OP-Sälen. Wurden bisher für jeden OP-Saal ein Vorbereitungsraum vorgesehen, benutzen bei einem seiner Projekte nun vier Säle den gleichen Raum, um die Vorbereitungen zu treffen. Man spart damit Fläche, die nicht gebaut, geheizt und gepflegt werden muss und spart damit Kosten. Die Auslastung der Räume steigert sich so auf 80 Prozent.
Stärker als bisher wird auch Wert auf die Innenarchitektur gelegt. Dabei geht es vor allem darum dem Patienten, aber auch dem Personal und den Besuchern ein angenehmes Umfeld zu bieten. Denn aktuelle Studien besagen, dass wenn die Besucher sich wohl fühlen und damit länger bleiben das Wohlbefinden des Patienten steigt und damit seine Heilung beschleunigt wird. Architektur wird damit zur „heilsamen Architektur". Ludes schafft in seinen Bauten „Orte", die sich auch mit der Deckenansicht in einem Behandlungszimmer oder der Brüstungshöhe in Bettenzimmern auseinandersetzen. Der im Krankenhausbau tätige Architekt muss in die Rolle eines umfassenden Beraters für die Betreiber eintauchen, der über interdisziplinäres Know-how sowie optimale Organisation und Gestaltung verfügt.

Im Anschluss stellte der Stuttgarter Architekt Peter Ippolito anhand mehrer Beispiele seines Büros dar, wie Innenarchitektur im Gesundheitswesen zum Unterscheidungsmerkmal werden kann. Die Arbeitsweise seines Büros if-group sieht immer das Ganze. Meist wird neben der Innenarchitektur auch gleichzeitig ein visuelles Gesamtkonzept, eine Identität, entwickelt, die nach außen kommuniziert werden soll. Der Mensch solle dabei immer im Mittelpunkt stehen. Bei den fünf vorgestellten Projekten setzt die Lindenapotheke in Ludwigsburg diese Einstellung am deutlichsten um. Die Inhaberin der Apotheke befasst sich seit Jahren intensiv mit Heilkräutern und deren Möglichkeiten in der Medizin. Diese Kompetenz führte dazu, dass die Decke mit eben solchen Heilkräutern im mittelalterlichen Stil bemalt wurde, um einen Dialog neben dem immer gleichen „ich hätte gerne...danke" zu schaffen, was in der Tat auch erfolgreich funktioniert. Die Apotheke bleibt so beim Kunden in Erinnerung. Das Interieur-Konzept der Apotheke spricht den Menschen auf der Straße als großes, weiß strahlendes Schaufenster an und nimmt den gepflasterten Bodenbelag der Straße mit ins Innere hinein. Das sich das Gesamtkonzept auch auf der Website und bei einem kleinen Büchchen über Heilkräuter wieder findet, entspricht der typischen Herangehensweise von Peter Ippolito und seinem Team.

Nach der Pause mit Lunch im Foyer und der Möglichkeit die Themen der Vorträge im direkten Gespräch zu vertiefen befasste sich Professor Ulrike Mansfeld mit dem Themenfeld der Arztpraxen. Mit Ihrem Büro Micropolis berät sie seit Jahren Ärzte bei der Neugestaltung oder dem Aufbau derer Praxen. Hier ist ein Trend zu erkennen, der viele Ärzte ins Umfeld von Krankenhäusern oder in Gemeinschaften mit anderen Ärzten wandern läßt. Dennoch muss dabei die Identität des Arztes und seiner Praxis genauso wie eine gewisse Sterilität erhalten bleiben. Der Patient soll sich also nicht zu wohl in einer „Behandlungs-Lounge" fühlen. Denn diese Zimmer seien damit auch länger belegt, wodurch weniger Patienten behandelt werden könnten. Zu berichten wusste Mansfeld außerdem von Hautärzten, die ihre Praxis mit einem Kosmetikstudio visuell verbinden, um ein zweites Standbein zu besitzen, sollte die Praxis nicht so gut laufen.

Das Thema der Ausführungen von Gerhard Mitterberger war schließlich das Matreier Ärztezentrum. In österreichischem Dialekt bekam die gesamte Zuhörerschaft den gesamten Bauablauf dieses außergewöhnlichen Medizinzentrums zu hören. Die Bauherren, die allesamt die Nachkommen des örtlichen Landarztes und dieser selbst waren, gaben Mitterberger vor, dass der Betrieb der bestehenden Praxis aufrechterhalten werden musste. Der 70er Jahre Anbau an das bestehende Wohnhaus im Tiroler Stil musste also bei geöffneter Praxis umbaut werde. Es war also ein wortwörtlicher Umbau! Aus dem wenig ansehnlichen Anbau wurde so innerhalb eines guten Jahres ein „Klotz" in der Matreier Landschaft, der die Nutzfläche verdreifachte. Mitterberger erweckt mit dem Gebäude die Wirkung eines vom Berg gestürzten Felsens. Die Abläufe im Inneren des Gebäudes sind in dieser Form auch nur an diesem Ort denkbar, denn beispielsweise das Wartezimmer muss den staubigen Bauarbeiter genauso wie die Mutter mit Kind aufnehmen können, ohne das der eine die anderen stört. Das die Wartenden dann außerdem wie Ausstellungsstücke im Schaufenster zu sehen sind trägt der dörflich-familiären Atmosphäre Rechnung, in der eh jeder weiß, warum der andere im Ärztezentrum ist. Die weiteren Ausführungen des Österreichers zu den kleinen Dingen neben dem Bau waren in der Tat hörenswert. Schon die Vorher-Bilder der Praxisinnenräume, in der jeder Quadratzentimeter der Oberfläche mit Bildern oder Teppichen zugehängt war, ließen den Einen oder Anderen im Publikum schmunzeln.
Ein Raum der alten Praxis wurde auf Wunsch des Landarztes im nahezu ursprünglichen Zustand belassen und hinter eine Glasscheibe gesetzt. Sozusagen als begeh- und benutzbares Schaustück.

Nach der Beschreibung des gelungenen Baus in Matrei entfachte eine Diskussion zwischen Teilen des Publikums und Gerhard Mitterberger über Für und Wider der Gestalt des Gebäudes im ländlichen Zusammenhang. Nichtsdestotrotz eine sehr gelungene und informative Veranstaltung der AIT, die dank der Sponsoren völlig kostenfrei stattfinden konnte.

Axel Dürheimer

Photos von oben nach unten
Stefan Ludes
Gerhard Mitterberger
Pause
Publikum
Annette Weckesser, AIT
Prof. Ulrike Mansfeld