Zeitgenössische Architektur in Bayern

75 Jahre Haus der Kunst

2012 wird das Haus der Kunst an den 75. Jahrestag seiner öffentlichen Einweihung im Sommer 1937 erinnern. Aus diesem Anlass wird eine Ausstellung, die sich direkt auf Dokumente, Objekte und Bilder aus eigenen Archiven sowie anderen historischen Sammlungen in Deutschland stützt, umfassende Überlegungen und einen Überblick zum Erbe des Hauses präsentieren.

Vorläufer des Haus der Kunst war der Glaspalast, den August von Voit 1853/54 für die Erste Allgemeine Deutsche Industrie- und Gewerbeausstellung gebaut hatte. Der Glaspalast war eine große, offene und moderne Glas- und Eisenkonstruktion. Er entwickelte sich zum größten Ausstellungsforum von München, bis er in der Nacht auf den 6. Juni 1931 niederbrannte. Nach dem Brand plante das bayerische Kultusministerium ein neues Ausstellungsgebäude als Ersatz für den Glaspalast, diesmal aus Stein.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde der Architekt Paul Ludwig Troost mit dem Bau eines "Hauses der Deutschen Kunst" beauftragt. Troost war bis dahin vor allem für seine Ausstattung der Luxusdampfer der norddeutschen Lloyds bekannt. Das Gebäude, das er entwarf, war in gewisser Weise eine Antithese zum Glaspalast: Ein säulengeschmückter neoklassischer Tempel für Kunst, der hinter seiner Naturstein-Fassade eine moderne Stahlskelett-Konstruktion und eine innovative Haustechnik verbirgt.

Nach seiner Eröffnung 1937 war das Haus der Deutschen Kunst ein Instrument für die Propaganda der Nationalsozialisten und die Zurschaustellung ihrer Kulturpolitik. Von 1937 bis 1944 wurde jährlich die Große Deutsche Kunstausstellung veranstaltet - Verkaufsausstellungen, die man als die wichtigsten Ausstellungen für "echte deutsche Kunst" betrachtete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Haus der Kunst seinen jetzigen Namen und suchte wie der Großteil der Kultur in Deutschland Anschluss an die internationale Moderne. Unter dem Oberbegriff der Umerziehung veranstaltete es Ausstellungen wie "Altdeutsche Meister" (mit Werken aus den zerstörten Pinakotheken), "Das Jugendbuch" (das erste internationale Ereignis im Nachkriegsdeutschland) und "Französische Malerei vom Impressionismus bis zur Gegenwart". Ein Meilenstein war die Pablo-Picasso-Retrospektive von 1955, wo "Guernica" gezeigt wurde, eine Ikone antifaschistischer und moderner Kunst. Im selben Jahr eröffnete Arnold Bodes documenta 1 in Kassel. Die Verbindung zur internationalen Moderne wurde hergestellt, indem man Künstler aus der Femeschau "Entartete Kunst" zeigte, die 1937 in Gehweite vom Haus der Kunst in den Hofgarten-Galerien stattgefunden hatte.

1992 wurde das Haus der Kunst in die Rechtsform "Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH" überführt. Sie basiert auf einem Modell öffentlicher und privater Förderung. Christoph Vitali wurde 1993 der erste Direktor. Bis dahin war die Option, das Haus der Kunst als Relikt des "dritten Reichs" abzureißen, noch offen geblieben. Vitali selbst war jedoch überzeugt, dass "Mauern keine Schuld tragen". Sein erstes Projekt, "Elan vital. Das Auge des Eros" war exemplarisch für ein Programm, das die Kunst der klassischen Moderne in den Mittelpunkt rückte und zugleich ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst berücksichtigte. Das Engagement für zeitgenössische Kunst wurde von Vitalis Nachfolger Chris Dercon noch stärker betont. Sein Programm stand unter der Prämisse, dass die Architektur des Gebäudes eine kongeniale Umgebung für zeitgenössische Kunst darstellt. Diese Überzeugung teilte er mit den Künstlern, die er zu Ausstellungen im Haus der Kunst einlud. Rem Kohlhaas hat das Haus der Kunst in mehreren Publikationen und Vorträgen als "Aura-Maschine" bezeichnet.

Das Nachdenken über den komplexen und komplizierten historischen Prozess, der das Haus der Kunst in seiner heutigen Form hervorgebracht hat, hat mit der Öffnung der historischen Archive und dem "kritischen Rückbau" des Hauses unter Okwui Enwezors Vorgänger Chris Dercon begonnen; es setzt sich bis in die Gegenwart fort. Die Befragung von Architektur und Erbe des Hauses wird eine dramatische Neuorientierung erfahren, wenn im Sommer 2012 eine umfassende Ausstellung von Archivmaterial stattfindet, und Anfang 2013 schließlich eine Dauerausstellung dieser Dokumente eingerichtet wird.

2012 begeht das Haus der Kunst mit "75/20" einen doppelten Jahrestag, der die wichtigen Veränderungen beleuchtet, aus denen sich das heutige Ausstellungshaus entwickelt hat. Von Vitalis "Elan vital" bis Dercons "kritischem Rückbau" wird das 75/20-Jubiläum die Gelegenheit bieten, das Haus der Kunst als das, was Okwui Enwezor ein "reflexives Museum" nennt, kennen zu lernen.

"Ich bin ebenso wie meine Vorgänger Christoph Vitali und Chris Dercon der Überzeugung, dass wir dieses Material nicht nur unbedingt zeigen müssen: Vielmehr müssen wir es in einen Zusammenhang stellen, wir müssen uns bemühen, es zu de-fetischisieren, wir müssen uns bemühen, es zu entmystifizieren." (Okwui Enwezor)

Die Präsentation des Archivs innerhalb einer größeren Ausstellung wird sich im Rahmen des Wechselspiels zwischen Tradition und Avantgarde mit den - in Enwezors Worten - "historischen Ereignissen im Konflikt" befassen. Eines der Kernstücke der Ausstellung "75/20" (10. Juni 2012 - Januar 2013) werden die Großen Kunstausstellungen sein, jährliche Ausstellungen, die bis heute im Haus der Kunst stattfinden, und die aus den 1948 gegründeten Münchner Künstlerverbänden hervorgegangen sind. Die Archive des Haus der Kunst und der Münchner Künstlerverbände werden hier als Teil der Nachkriegsgeschichte des Hauses zusammengeführt.

Weiterhin wird "75/20" auch Werke umfassen, die 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt worden waren, und im Kontrast dazu Arbeiten aus den Großen Deutschen Kunstausstellungen.